Auf dieser Seite seht Ihr die Spiegelung einer Interviewseite von 1991 vom Humboldt-Gymnasium in Radeberg. Man weiss ja schließlich nie, wie lange das Original (http://marvin.sn.schule.de/~hgr/int_tannert.htm) noch im Netz zu finden ist.

Humboldt

News

Humboldt News - Ausgabe 1 - September 1991

 

Was für ein Schüler waren Sie und wie sind Sie auf den Lehrerberuf gekommen?
In den ersten 5 Schuljahren war ich sehr mittelmäßig. Später wurde es besser.
Die ersten Jahre meiner Schulzeit fielen noch in den 2. Weltkrieg. Nach zwei Schuljahren kam der 13. Februar 1945. Wer den in Dresden erlebt hat, weiß, was Krieg bedeutet. So waren die nachfolgenden Schuljahre geprägt von diesen Erlebnissen. Grundschuljahre in total überfüllten Klassenzimmern, Flüchtlinge, 40 - 50 Jungen in einer Klasse, so daß Angelegenheiten wie Streiche unter diesem Aspekt zu sehen waren.
Nach der Grundschule habe ich die Oberschule Radebeul besucht. Damals hieß das noch Oberschule - nicht Erweiterte Oberschule. Ich hatte das Glück, auf eine Generation von Lehrern in der Oberschule zu treffen, die 12 Jahre lang zur Zeit des Faschismus nicht unterrichten durften, weil sie ihrer humanistischen und sozialistischen Gesinnung treu geblieben waren. Und das waren hervorragende Lehrer. Nicht nur von ihren Fähigkeiten, sondern auch vom menschlichen Standpunkt aus. So etwas färbte dann auch auf unsere Berufswünsche ab.

Und dann haben Sie sofort Lehrer studiert?
Es war nicht ganz so einfach, mich zu entscheiden. Ich habe den mathematisch - naturwissenschaftlichen Zweig der Oberschule besucht, und mein Lieblingsfach war Physik. Aber ich war auch künstlerisch interessiert und besuchte oft das Theater.

Welches Zweitfach haben Sie neben Deutsch?
Geschichte.

An welchen Schulen unterrichteten Sie vorher?
Ich war über zwanzig Jahre an der Betriebsschule Radeberg.

Haben Sie irgendwelche Lieblingsstücke aus dem Bereich der Literatur?
Zu Beginn meiner Tätigkeit hielt ich nicht viel von der DDR - Literatur. Das lag sicher auch an der Qualität vieler Werke damals in den fünfziger Jahren. Diese Angelegenheit hat sich während der sechziger Jahre jedoch geändert. Kants "Aula" oder Strittmatters "Ole Bienkopp" haben meine Beurteilung der Gegenwartsliteratur der DDR grundlegend verändert. Die Literatur wurde qualitativ besser. Oder auch ein Schriftsteller wie Christoph Hein. Diese Literatur hat, da bin ich sicher, sehr viel zur ideologischen Vorbereitung der Wende beigetragen.

Und international?
Die DDR - Literatur stand im engem Zusammenhang mit der sowjetischen Literatur. Schließlich war ja hier die UdSSR Besatzungsmacht. Die sowjetische Literatur hat Vorperestroika gemacht. Ich möchte hier Michail Bulgakow, der 1929 den Faust - Roman geschrieben hat, erwähnen. Er hat den Stalinismus bereits in wesentlichen Aspekten verurteilt. Oder selbstverständlich Dschingis Aitmatow.

Welche klassischen Stücke beeindrucken Sie besonders?
Ich habe eine besondere Beziehung zu Goethe. Ich bin im Vorstand der "Goethe - Gesellschaft" in Dresden, und ich erinnere mich an Veranstaltungen mit Hunderten von Schülern der EOS Dresden und unserer Radeberger Berufsschule. Schließlich waren in der DDR kulturelle Leistungen entstanden, die man jungen Leuten einfach übermitteln mußte. Und zwar denke ich an hervorragende Verfilmungen unserer klassischen deutschen Literatur. Ich glaube, hier waren wir in der "Ostvereinung Dresden" mit den Schülern, die dann nach der Veranstaltung mit dem gesamten Vorstand der "Goethe - Gesellschaft" über das Anliegen Goethes und der Filmschöpfer diskutierten, gesamtdeutsch gesehen gar nicht so schlecht. Die "Goethe - Gesellschaft" war schließlich eine der wenigen Vereinigungen, die die Teilung Deutschlands nicht mit vollzogen hatte.

Haben Sie sich in früheren Jahren schon einmal als Schriftsteller versucht?
Da muß ich eindeutig sagen, daß das selbstkritische Vermögen größer war als das Verlangen nach künstlerischer Produktion.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich dann wünschen?
Ich wünsche mir, daß es der Menschheit gelingt, die Lebens bedrohenden Probleme zu lösen. Mein zweiter Wunsch betrifft unsere Schule. Möge es uns gelingen, jede Schülerin und jeden Schüler der Humboldt - Schule optimal nach seinen Fähigkeiten zu entwickeln. Als drittes wünsche ich mir Gesundheit.

Sehen Sie der Zukunft optimistisch oder eher pessimistisch entgegen?
Ohne Optimismus wäre es sinnlos, überhaupt irgendeine Tätigkeit zu beginnen.